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Er kommt aus einem Land wo der Ginster blüht

Ein Gespräch mit dem bekannten Sänger und Weltenbummler Ulrik Remy, der viel mehr ist als nur sein bekanntes Westerwald-Lied. Seine „Pflastertreterjahre“ sind vorüber, dennoch steckt noch viel Kreativität und Schaffenskraft in ihm. Remy war und ist Liedermacher und Musiker, er schrieb Lieder, Gedichte, Drehbücher und Geschichten, moderierte, schauspielerte, sang und führte Regie.

Ich treffe einen Mann mit Hund im Stadtgarten von Aachen auf seiner Morgenrunde. Buntes Laub raschelt auf der Erde, Ulrik Remy hebt die Hand zum freundlichen Gruß, Honey begrüßt mich freudig und schwanzwedelnd.

Es ist Herbst. Dazu gehören einfach auch ein wenig Melancholie, Demut und Dankbarkeit. Eine gesunde Mischung aus allem. Und auch Ulrik Remy befindet sich im Herbst seines Lebens. Im Februar hat er seinen 70. Geburtstag gefeiert und ich spreche mit ihm über sein Leben, über das, was hinter ihm liegt, und auch über das, was noch kommt.

Herr Remy, wie geht es Ihnen heute?

Ein schöner, wenn auch frischer Morgen. Ich liebe diese Morgenrunden mit meinem Hund Honey. Das ist ein guter Start in den Tag.

Vom Park schlendern wir zu seiner Souterrainwohnung. Mit einem Becher dampfenden Kaffee in der Hand lausche ich seiner sonoren Stimme, mit der er zur Einstimmung ein selbstgeschriebenes Gedicht vorträgt. Vielen Dank für diesen Gänsehaut-Moment.

Ihren kompletten Lebenslauf kennen vermutlich (noch) nicht alle Menschen. Möchten Sie etwas aus Ihrem Leben erzählen?

Ich bin in Gelsenkirchen geboren, aufgewachsen in Wattenscheid und Köln, war in Oberbayern im Internat und kam dann wieder nach Köln zurück. Meine frühen Jahre sind eine Verkettung von Brüchen. Schulwechsel, Ortswechsel, ein ständiges Hin und Her. 1962 besuchte ich das Internat in Schondorf. Im Nachbarort wohnte der Komponist Carl Orff, der mein Leben stark beeinflusst hat. Mit Orff und dem Dirigenten Rafael Kubelík begann meine musikalische Ausbildung.

Wie ging es weiter? Welche Stationen folgten dann?

Im Januar 1967 habe ich mein Debütkonzert dirigiert. Was viele nicht wissen, Karl Dall (Insterburg&Co.) hat mich sozusagen entdeckt und mir zu meinem ersten Plattenvertrag verholfen. Das war 1973. Ende 1974 bin ich dann ins Siebengebirge gezogen. Mein Traum war es, ein altes Bauernhaus zu renovieren. Dieses fand ich nach langem Suchen in Unnau. 1977 kaufte und renovierte ich mein „Traumhaus“ inmitten eines großen Grundstücks mit Apfel- und Pflaumenbäumen am Dorfrand mit Blick ins Nister-Tal. In diesem Fachwerkhaus lebte ich mit meiner Familie bevor ich nach meiner Scheidung nach Giesenhausen zog. Dort entstand auch das Lied über den Westerwald. Die dritte Station meiner Westerwälder Vita war dann Hachenburg. Dort habe ich in der Friedrichstraße („Owergass“) gelebt. 

Autor und Musiker Ulrik Remy Foto:D.Kohlhas

Sie waren nicht nur in Deutschland aktiv, sondern auch im Ausland. Mit recht unterschiedlichen Tätigkeiten. 

Ja, das stimmt. Nachdem ich lange Zeit immer im öffentlichen Raum gelebt hatte,  dachte ich eines Tages „ich muss weg“. So kam es, dass ich 1982 eine Stelle als Radiomoderator bei einer Lokalradiostation in Portoferraio (Italien) auf der Insel Elba übernahm. Zudem erhielt ich einen Linguistik-Lehrauftrag an der Universität Siena, wo ich 1985 ein Doktorat erreichte. Fast zur gleichen Zeit gründete ich 1983 im spanischen Alicante den Sender „RadiMar“. Vier, fünf Jahre pendelte ich im Wochenrhythmus zwischen Siena, Alicante und Hachenburg. 1989 kam ich nach Deutschland zurück, gründete eine Werbeagentur für Radio-Werbung, lebte und arbeitete als Schriftsteller und Sprachenlehrer in Arnsberg, bevor ich 1994 ein Angebot aus den USA erhielt und auswanderte. Doch auch in den USA kam ich in kein ruhiges Fahrwasser. Es gab Turbulenzen. 2004 zerstörte ein Hurrikan meine Firma und alles war verloren. Ich zog auf ein Boot in Titusville und begann zu komponieren – die Idee für die Everglades-Sinfonie wurde geboren. Der Umzug auf das Boot war ein kreativer Dammbruch und ich stellte die umfangreiche Sinfonie in nur zweieinhalb Monaten fertig – so fand ich zurück zu meinen Wurzeln in der klassischen Musik. Im August 2015 folgte die erneute Rückkehr nach Deutschland, seitdem lebe ich in Aachen. Meine „Remygration“.

Was hat Sie in Ihrem Leben zum Staunen gebracht?

Mit einem Lächeln im Gesicht zeigt Remy ein gerahmtes Schreiben.

Ein Brief aus dem Weißen Haus. Darauf bin ich auch ein kleines bisschen stolz. Ich hatte die 4. Sinfonie fertiggestellt. Es war der 9.11.2008. Da durchzuckte es mich, die Umkehrung von 11/9 und mir war klar, dass ich dem gerade gewählten Präsidenten, Barack Obama, schreiben musste. „Bitte geben Sie uns Amerika zurück“, waren meine eindringlichen Worte in dem Brief, den ich an sein Senatsbüro in Washington sandte. Es verging ein Jahr und ich weiß bis heute nicht, wie es gelang, aber es war ein toller Moment, als ich Obamas Antwortschreiben aus dem Weißen Haus in Händen hielt.

Auch seine (tierische) Wegbegleiterin Honey hat Verbindungen zum Westerwald. In Tarragona geboren wurde sie dann nach Ransbach-Baumbach geschickt, wo sie Joachim Wolf – Gründer des Fanclubs – dann fand. So schließt sich der Kreis. Es bestehen heute noch viele Erinnerungen, Verbindungen und Kontakte in den Westerwald. Foto: D.Kohlhas

Was verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?

Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu diesem Begriff. Für mich ist Heimat etwas, das man in sich trägt. Nicht unbedingt ein Ort. Auch im Westerwald habe ich mich heimisch gefühlt. Dazu gehören auch die Menschen, die es mir ermöglicht haben, mich heimisch zu fühlen.

Ich bin nicht nur dieses Lied, sondern viel mehr. Das wissen nicht unbedingt alle. Ich möchte die Erinnerung der Menschen an mich und das Lied nicht zerstören, aber auch nicht auf der Bühne „bröckeln“. Am 1. Mai 2018 hatte ich ein tolles Konzert, einen guten Abschluss, wie ich finde. Das war im Historica-Gewölbe in Montabaur. Und das möchte ich einfach so stehen lassen. Klar, werde ich hier und da noch singen. Aber eben keine Konzerte mehr geben.

Woran arbeiten Sie momentan?

Gerade habe ich ein Buch herausgebracht, das bald in die Verlage kommen wird. Es sind Kurzgeschichten mit dem Titel „Im Auge des Sturms“ und eine Überarbeitung von drei Bänden aus den 70er Jahren. Ich werde Lesungen halten und das Buch vorstellen. Dann habe ich noch das Projekt um die kleine Wolke „Wiebke Watteweich“, eine Reihe von Kindergeschichten. Nicht zu vergessen, mein Roman „Ohne Chance in Denpasar“, an dem ich arbeite.

Haben Sie eine Lebensphilosophie?

Ich habe nicht nur eine. Jedes zu seiner Zeit trifft es sehr gut. Und auch:
Es ist was es ist und es ist gut, weil es ist.                     

Alteisen

so zähl ich also jetzt zum alten eisen

und fühl mich ausgesprochen wohl dabei

ich brauch nicht mehr von stadt zu stadt zu reisen muss niemandem mehr irgendwas beweisen

und wann ich esse, trinke, schlafe, steht mir frei

hab kein problem mit löchern in den strümpfen

weil ich ganz andere dinge wesentlicher find

ich mag’s, wenn alte frau’n die nasen rümpfen

und leise irgendwas mit ‚penner‘ schimpfen

weil meine hemden nicht perfekt gebügelt sind

in meinem leben hab ich viel geschrieben

manches war gut, und vieles war auch schrott

viel ging verloren, aber manches ist geblieben

und es gibt menschen welche meine sachen lieben 

was letztlich bleibt, weiss nur der liebe gott

die pflastertreterjahre sind vorüber

und auch die radiojahre sind vergangenheit

die jahre in amerika? spricht keiner drüber

und fragt man mich nun, welche war’n dir lieber?

’s war alles gut, jedes zu seiner zeit.

wenn ich mir so mein lebenswerk betrachte, 

gedichte, lieder, prosa, sinfonien,

dann bin ich stolz, was ich zustande brachte

auch wenn’s mich nicht zum reichen manne machte 

reich bin ich sowieso durch mein bemühn

reich bin ich durch die freunde, die ich habe,

durch meinen hund, der schmust und kackt und spielt 

durch meine blumen, meine bücher und die gabe 

mich an all dem zu freuen wie ein knabe

der sich beschenkt und wahrgenommen fühlt

ich sitze heute gern in meinem garten

und seh die zeit an mir vorübergehn

bald werd ich sterben – nun, ich kann drauf warten 

alteisen? ja, mit beulen, rost und scharten

doch immer war mein leben reich und schön

ulrik remy


Wer mehr über das bewegte Leben von Ulrik Remy erfahren möchte, findet dazu viele Bilder und Geschichten auf seiner neuen Homepage: www.ulrikremy.com

Fotos und Interview: D.Kohlhas

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